Die Macht des Fallout 3 - ein paar Eindrücke
Wie fühlt man sich, wenn man zum ersten Mal die heimelige Nestwärme der Untergrundbasis verlässt und ins gleißende Licht der natürlichen Sonne tritt? Unbehaglich, angewidert. Nur Fallout 3 hätte auch irgendetwas von Grund auf falsch gemacht, wenn sich der Spieler an einer von atomaren Sprengköpfen ramponierten Welt ergötzen würde. Bei Oblivion staunte man über weite, grün begraste Flächen, und in Fallout 3 wird man einer schlammigen, von braunen Tönen dominierten Einöde ansichtig. Die Antithese der These. Vielleicht wird Bethesda ja so weit von hegelianischem Gedankengut infiziert, dass mit Elder Scrolls 5 die sagenumwobene Synthese vollzogen wird. Wir hoffen es nicht. Wäre Fallout 3 nur mit einem Flecken weniger Farblosigkeit ausstaffiert, man würde ein Sakrileg begehen. Die Welt ist, so wie sie ist, einfach wunderschön.
Denn wir können uns an diesem von Menschenhand niedergewalzten Landstrich einfach nicht satt sehen. Die funkelnden Augen weiden sich an den zerbröckelnden Ruinen, an dem vorherrschenden Lebensvakuum. Womöglich ist das einfach ein nihilistischer Masochismus. Man labt sich am Leid der Menschheit. Am fatalen Fehlgehen der eigenen Zivilisation. Und irgendwann erwischt man sich dabei, dass man sich der Dystopie näher fühlt, als der Welt eines GTA IV. Vielleicht reizt uns das apokalyptische Szenario einfach so, weil es eine Option der Zukunft ist. Nicht zuletzt deswegen ist Fallout 3 ein richtiggehend gesellschaftskritisches und die Politik veralberndes Werk geworden. Und wenn man sieht, wie sich die Lebewesen im Ödland von Washington D.C. nach starken Männern sehnen, und der Propaganda eines polemischen, chauvinistisch angehauchten Satzbollwerks im Radio erliegt, dann fühlt man sich wirklich wie zu Hause. Jesus wird dann auf einmal gegen das Atom ausgetauscht, während Johannes der Täufer im wunderbar animierten, und zu kräuselnden Wellenbewegungen tauglichen Wassers zum Prediger des von Neutronen, Protonen und Elektronen befeuerten Kleinstelements mutiert. Die Politik im Eimer. Die Religion. Und die Kultur sowieso.

Vielleicht fühlt der Spieler sich deswegen inniger mit seiner Figur verbunden, weil die Welt gerade nicht vor Leben strotzt. Es ist unheimlich spannend zu beobachten, wie sich aus den Ruinen neue Menschenzivilisationen emporrecken. Individuen wittern die Vakanz in den Kontrollgremien und erliegen dem Willen zur Macht. Neue Moralvorstellungen streifen in den Köpfen der Überlebenden umher und vergessen geglaubte, tief im Fluss des Vergessens versunkene Urinstinkte (Kannibalismus) kommen wieder zum Vorschein. Als Spieler, der praktisch noch enger verwoben ist mit der Ethik der „intakten“ Zeit, kann man die Flagge einer aufgrund existentiellen Wirren zerbröckelnden, zivilisierten Weltanschauung in den aschfahlen Boden rammen. Die neue Welt gebiert sogar Wesen, die ihre eigenen Eltern verspeisen. Und erst wir als vom Leid bisher ungestreift, können ihm einreden, dass diese der falsche Weg gewesen ist. Ein ethisches Entwicklungsland. Wann darf man schon einmal ein integrativer Bestandteil einer Menschheit sein, die gerade ihre ersten zivilisierten Gehversuche unternimmt. Wir treffen auf kein ehernes Sittengemälde wie in Oblivion, The Legend of Zelda oder im Mushroom Kingdom (*grins*). Ein instabiles Konglomerat, das wir mit einem eigenen Beitrag auspolstern dürfen. Herrlich.
Oder wir kacken auf die ganze Prinzipienreiterei und suhlen uns in dem Tümpel der auseinanderstiebenden Sittenlehre, die im bloßen Überlebenskampf immer die schlechtesten Karten innehat. Fallout 3 ist nicht zuletzt ein interessantes Porträt einer Menschheit im Zerfallsprozess bzw. im Wiederaufbau. Vielleicht macht es deswegen unheimlichen Spaß in dem braunen Ödland nach den Funken des Lebens Ausschau zu halten.
Außerdem: Fallout 3 lebt von seiner enorm offen angelegten Spielstruktur. Ich habe schon nach der Ankunft in Megaton den Hauptquest bewusst aus den Augen verloren, vielleicht, weil ich wenigstens einmal in meinem Leben den Ödipuskomplex ausleben möchte, oder aber, weil die postapokalyptische Welt einfach zu interessant ist, um einen Flecken unbeaufsichtigt zu lassen. Wer zu einer Mission in einem entlegenen Gebiet aufbricht, kann sich sicher sein, au dem Weg von A nach B auf etwas Außerplanmäßiges zu treffen.

Ich wollte zum Beispiel in eine von Minen zerfurchte, verlassene Stadt pilgern, wo die Skelette in den Häuserruinen übrigens die letzten Sekunden vor dem Atomtod illustrativ erzählen (der liebe Vater nimmt vor dem Schlafengehen noch ein erholsames Bad – der Aktenkoffer vor dem Treppenaufstieg deutet auf einen Zeit verschlingenden Bürotag hin- , die Mutter legte gerade ihr Buch auf das Nachtschränkchen, um die Gedanken auf den anbrechenden Schlaf zu fokussieren, während das Kind im Bettchen bereits feste einschlummert). Jedenfalls trat mir eine ehemalige Polizeistation vor die Augen, die natürlich eingehend untersucht werden musste – nach dem Motto: mal schnell abseits des Pfades laufen. Plötzlich sieht man sich zwei Inhaftierten gegenüber, mit denen man dann in ein entferntes Dorf flüchtet, das gerade von postapokalyptischen Orks unter Beschlag genommen wird. Nach den anstrengenden Minuten im Bleihagel, und um sich in dem Ödland eine Pause in der Sonne zu gönnen, macht man einen Spaziergang in der Nähe eines imposanten Kraftwerks, bei dem Wegelagerer herumlungern, die auf der Suche nach DIR sind und gar einen Steckbrief von dir in der Tasche haben. Unberechenbarer geht es kaum!
Welches Spiel schafft es schon, die eigentliche Story vergessen zu machen. Man schreibt seine in gewissen Maßen eigene Geschichte. Übrigens kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, man habe es mit der überfälligen Konsolenfassung des fantastischen S.T.A.L.K.E.R. zu tun. Ein besseres Lob in Punkto Atmosphäre kann man dem Rollenspiel kaum geben. Um es kurz zu machen: Fallout 3 ist ein wirklich fantastisches Spiel und die ersten zehn Stunden verflogen wie im Fluge. Dieses Spiel muss man wohl einatmen und im wahrsten Sinne des Wortes leben – wer darunter leiden muss: das reale Leben.
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